Aus Solidarität gewachsen
Die Geschichte von Queerschnitt Nordhessen beginnt mit Solidarität.
In den 1980er-Jahren waren HIV und Aids noch kaum erforscht und nicht wirksam behandelbar. Viele Menschen erkrankten schwer und starben. Zugleich waren Betroffene mit Angst, Vorurteilen und massiver Ausgrenzung konfrontiert. Besonders traf dies Menschen, die bereits zuvor an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden waren.
In dieser Situation entstanden überall in Deutschland Aidshilfen. Menschen schlossen sich zusammen, um aufzuklären, Betroffene und Angehörige zu unterstützen und der gesellschaftlichen Ausgrenzung etwas entgegenzusetzen.
Die Gründung der AIDS-Hilfe Kassel
Die Kasseler Aidshilfe entstand zunächst aus der „Förder-Initiative Sozial Benachteiligter“. Am 1. Juli 1987 konstituierte sich die AIDS-Hilfe Kassel offiziell und schloss sich der Deutschen Aidshilfe an, die sich bereits gegründet hatte.
Die Arbeit wurde in den ersten Jahren vor allem von ehrenamtlich engagierten Menschen getragen. Sie berieten, begleiteten und schufen Möglichkeiten für Begegnung und Selbsthilfe. Mitarbeitende und Ehrenamtliche eigneten sich medizinisches Wissen an, verfolgten die Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten und unterstützten Menschen mit HIV und Aids sowie ihre Angehörigen.
In einer Zeit, in der HIV häufig eine stark verkürzte Lebenserwartung bedeutete, gehörten auch Sterbebegleitung und Trauerarbeit zum Alltag. Erst mit der Einführung wirksamer Kombinationstherapien ab 1996 wurde HIV zunehmend zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung.
Aidshilfe war jedoch von Anfang an mehr als medizinische Beratung. HIV und Aids wurden gesellschaftlich stark moralisiert. Schwule und bisexuelle Männer, Drogengebrauchende, Sexarbeitende, Menschen in Haft, Migrant*innen und weitere marginalisierte Gruppen wurden zu sogenannten Risikogruppen erklärt und ausgegrenzt.
Die Aidshilfebewegung setzte dem Aufklärung, Selbsthilfe und Solidarität entgegen. Menschen aus unterschiedlichen Communitys teilten Wissen, begleiteten Erkrankte, sammelten Spenden und entwickelten eigene Präventionsangebote. In der Bewegung war von der „Solidarität der Schmuddelkinder“ die Rede. Der abwertende Blick der Mehrheitsgesellschaft wurde in eine gemeinsame politische Haltung verwandelt: Niemanden ausgrenzen, niemanden zurücklassen.
Dieser Grundsatz prägt unsere Arbeit bis heute.
Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe
Viele Menschen, die sich an die AIDS-Hilfe Kassel wandten, benötigten nicht nur Informationen zu HIV. Sie waren mit psychischen Belastungen, Armut, Wohnungslosigkeit, gesundheitlichen Problemen, Schwierigkeiten mit Behörden oder gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert.
Aus dem früheren Ambulant Betreuten Wohnen entwickelte sich die heutige Qualifizierte Assistenz. Als Leistung der Eingliederungshilfe werden dabei Menschen unterstützt, die mit Behinderung leben und deren soziale Teilhabe infolge von Behinderungen eingeschränkt wird. Die Begleitung richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen und Zielen der jeweiligen Person und kann in unseren Räumen, in der eigenen Wohnung oder an anderen Orten stattfinden.
Dabei gilt: Die Menschen, die unsere Angebote nutzen, sind Expert*innen für ihr eigenes Leben. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg zu treffen. Wir beraten, begleiten und unterstützen Menschen dabei, eigene Ziele zu entwickeln und selbstbestimmt umzusetzen.
HIV, sexuelle Gesundheit und Beratung
Die Beratung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen gehört weiterhin zu unseren zentralen Aufgaben. Wir informieren über Übertragungswege, Schutzmöglichkeiten, Tests und Behandlung. Unsere Beratungs- und Testangebote sind vertraulich, auf Wunsch anonym und frei von moralischer Bewertung. Wir berücksichtigen die Vielfalt der Menschen, die zu uns kommen, ohne Menschen auf vermeintliche Risiken oder einzelne Merkmale zu reduzieren.
Der Peer-Ansatz ist dabei seit den Anfängen der Aidshilfe ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Menschen aus den jeweiligen Communities bringen eigene Erfahrungen und Perspektiven in die Arbeit ein. Dieses Wissen wird durch fachliche Qualifikation, regelmäßige Fortbildungen und kollegialen Austausch ergänzt.
Beratung zu geschlechtlicher Vielfalt
Mit der Zeit wurden Fragen zu geschlechtlicher Identität und trans Lebensweisen ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Mit der wachsenden Wahrnehmbarkeit transgeschlechtlicher und nicht-binärer Menschen stieg der Bedarf an kompetenter Beratung. Gleichzeitig nahmen politische Anfeindungen und offene Transfeindlichkeit zu.
Maßgeblich am Aufbau unserer Transberatung beteiligt war die damalige Geschäftsführerin Andrea Görmer. Die Beratung entwickelte sich nach und nach zu einem festen Arbeitsbereich des Vereins.
Andrea Görmer prägte die AIDS-Hilfe Kassel über viele Jahre und setzte sich weit über die klassische HIV-Arbeit hinaus für tragfähige soziale und queere Strukturen in Nordhessen ein. Nach ihrem plötzlichen Tod im Jahr 2017 blieb die Weiterentwicklung dieser Arbeit ein wichtiger Teil ihres Vermächtnisses.
Im Jahr 2020 konnten Förderungen für zwei queere Projekte aufgebaut werden: Die LSBT*IQ-Netzwerkstelle Nordhessen und die Beratungsstelle für geschlechtliche Vielfalt T*räumchen Kassel. Dadurch wurde es möglich, Mitarbeiter*innen aus den Communitys hauptamtlich zu beschäftigen, Beratungsangebote auszubauen und Fachwissen dauerhaft in der Region zu verankern.
2023 kam T*räumchen mobil hinzu. Seitdem können Beratungen, Gruppenangebote, Fortbildungen und Vernetzungsarbeit verstärkt in den nordhessischen Landkreisen angeboten werden.
Queere Bildung und Antidiskriminierungsarbeit
Seit 2022 ist unser Verein Träger des Landesnetzwerks SCHLAU Hessen. Auch das ehrenamtliche Lokalprojekt SCHLAU Kassel ist bei uns angesiedelt.
SCHLAU arbeitet mit Schulklassen, Jugendgruppen, Auszubildenden und jungen Erwachsenen. Queere Teamer*innen berichten in Workshops von eigenen Lebenswegen und Diskriminierungserfahrungen. Die Teilnehmer*innen können Fragen stellen, Vorurteile besprechen und unterschiedliche Lebensweisen kennenlernen.
Die persönliche Begegnung wird dabei mit Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit verbunden. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln, Unsicherheiten abzubauen und junge Menschen für sexuelle, romantische und geschlechtliche Vielfalt zu sensibilisieren.
Von der AIDS-Hilfe Kassel zu Queerschnitt Nordhessen
Im Jahr 2026 wurde aus der AIDS-Hilfe Kassel e. V. der Verein Queerschnitt Nordhessen e. V. Der neue Name macht verdeutlicht, was über viele Jahre gewachsen ist: Eine Organisation für Beratung, Bildung, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.
Die Aidshilfe verschwindet damit nicht. Beratung, Prävention, Tests und die Begleitung von Menschen mit HIV und Aids bleiben ein fester Teil unserer Arbeit. Die Erfahrungen aus fast vier Jahrzehnten Aidshilfe prägen auch unsere anderen Arbeitsbereiche: Die Nähe zu den Communities, der Einsatz gegen Diskriminierungen, die Orientierung an Selbstbestimmung und das Wissen darum, dass Gesundheit immer auch von gesellschaftlichen Bedingungen abhängt.
Solidarität bleibt notwendig
Heute erleben wir erneut, dass soziale Projekte finanziell unter Druck geraten, während Hass, Desinformation und Angriffe auf die Rechte marginalisierter Menschen zunehmen. Wieder wird darüber verhandelt, welche Unterstützung angeblich verzichtbar ist und welche Menschen dazugehören sollen.
Wir stellen uns dieser Entwicklung entgegen. Wir arbeiten für eine Gesellschaft, in der Menschen selbstbestimmt leben können, Zugang zu Beratung und Unterstützung erhalten und keine Angst vor Ausgrenzung haben müssen. Wir positionieren uns entschieden gegen Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Ableismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit.
Unsere Geschichte zeigt: Solidarität schafft Unterstützung, wo Strukturen fehlen. Sie setzt Wissen gegen Angst und Gemeinschaft gegen Ausgrenzung.
Unterstützen Sie unsere Arbeit
Mit einer Spende an Queerschnitt Nordhessen stärken Sie Beratung, Begleitung, Bildungsarbeit, Selbsthilfe und queere Strukturen in Kassel und den nordhessischen Landkreisen.
Sie helfen uns dabei, Angebote langfristig zu sichern, auf neue Bedarfe zu reagieren und auch Menschen zu erreichen, die nur schwer Zugang zu Unterstützung finden. Damit leisten Sie einen direkten Beitrag zu einer solidarischen sozialen Infrastruktur in unserer Region.
Unsere Arbeit hat sich über Jahrzehnte verändert und weiterentwickelt. Ihr Ausgangspunkt ist derselbe geblieben: Niemanden ausgrenzen. Niemanden zurücklassen.

